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Eine Geschichte aus zwei Perspektiven

erste Perspektive

Nun liege ich hier. Völlig zerstört. Das Auto so nah, dass ich am Dreck der Reifen erkennen kann, auf welchen Straßen es gefahren sein muss.

Ich liege hier. Ohne Kraft. Mein Körper ist leer. Ist meine Seele schon entwichen? Vielleicht bin ich bereits um einundzwanzig Gramm leichter. Ich weiß es nicht.

Die Menschen sind entsetzt. Rufen irgendwas. Was mich jetzt gerade gar nicht interessiert. Warum sind sie entsetzt? Sollte es auf der Welt nicht Schlimmeres geben in diesem Moment, als ein kraftloses, völlig zerstörtes Mädchen auf der Straße liegen zu sehen? Ich frage mich, sind die Menschen geschockt, weil sie gesehen haben, wie leicht es für ein Auto, welches ebenfalls von einem Menschen gefahren wird, ist, jemanden umzufahren? Wie schnell es hätte sie selbst treffen können? Trifft es sie so sehr, weil sie Angst um ihre Psyche haben? Können sie nach solch einem Anblick normal weiter leben?

Es ist so egal. Ich bin einer von zu vielen Menschen. Die Welt wird sich nicht verändern, wenn ich das überlebe. Die Menschheit geht auch so zugrunde.

Ich könnte versuchen meinen Arm, meine Hand oder meine Beine zu bewegen. aber irgendwie tut es gut hier zu liegen.

Es ist der Wahnsinn, der die Menschenmasse treibt. Der sie dazu bringt ihre Hände aufs Gesicht zu legen vor Fassungslosigkeit.

Ich sehe euch. Ich beobachte euch ganz genau. Warum bemüht ihr euch so sehr mein Leben zu retten? Ich bin euch einen Dreck wert. In einem Jahr würdet ihr mich nicht anrufen, um zu fragen, ob es mir auch gut geht. Warum dann? Für eure eigene Befriedigung? Damit ihr vor jedem anderen behaupten könnt ein guter Mensch zu sein? Aber ihr vergesst etwas. Ihr seid so damit beschäftigt mein Leben zu retten für euer gutes Gewissen, dass ihr nicht einmal fragt, ob ich das will.

Es ist faszinierend. Ich bin in den wahrscheinlich letzten Stunden meines Lebens erstaunt darüber, dass so viele Menschen mit solch einem Interesse und Mitgefühl daran teil haben. Keiner geht weg. Sie sind alle da. Es kommen sogar noch Leute dazu, um zu sehen, wie ein Mädchen stirbt.

Ich frage mich auch, ob es tatsächlich so ist, damit sie am Abend prahlend ihren Bekannten davon erzählen. Oh wow, sie haben was erlebt. Aber was haben sie erlebt?

Der Asphalt einer Autobahn war noch niemals so nah an meinem Auge.

Ich frage mich, können Ameisen weinen?

Das ist die letzte Frage in meinem Leben, die ich der Welt stelle. Kein Sinn des Lebens ist jetzt von Bedeutung. In diesem Moment zählt nichts mehr.Nur dieser Moment.

Nichts bleibt. Außer dieser eine Moment. Zu diesem Zeitpunkt. In diesem Jahrtausend. In dem Jahr, diesem Monat, der Stunde. In diesen Sekunden.

Ich habe es geschafft, dass auf einer Straße, auf der täglich tausend von Autos mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von hundertvierzig Stundenkilometern, plötzlich alles still steht.himmel_bedrohlich1

Das war ich. Ich habe die Welt verändert. Ein wenig. Für einen unwichtigen Teil der Zeit.

Und das ist meine letzte Erkenntnis.

zweite Perspektive

Sie liegt da. Völlig zerstört. Das fast unbeschadete Auto neben ihr. Sie wirkt nicht schwach. obwohl sie nur da liegt.

Sie ist so unbeschreiblich schön. Ich frage mich, hat sie das verdient? Wer hat sie in der Sekunde aus dem Haus gelassen, sodass sie zur weiteren  Sekunde an dieser Autobahn war?
Woher kommt sie? Wohin sollte ihr Weg führen? Was geht ihr gerade durch den Kopf? In ihren wahrscheinlich letzten Minuten.
Ich sehe zum ersten Mal, wie zerbrechlich ein Mensch ist. Wie schnell ein Menschenleben vorbei sein kann.

Und es bleibt nichts.

Genau, wie wenn man eine Ameise platt tritt und sich nicht weiter um sie schert.

Das wird auch früher oder später mit dem hübschen Mädchen passieren.

Ich schließe die Augen. Und danke.. nur dem Zufall, dass ich nicht dort liege.

Hat sie Schmerzen? Sie spricht nicht. Ein junges Mädchen. Noch nicht alles erlebt, was sie womöglich erleben wollte. Was waren ihre Ziele? Hat sie vielleicht so
viel Enttäuschung erfahren müssen, dass sie dem Zufall dankt, diejenige zu sein, die dort liegt?

Die Masse der Leute um sie herum. Es widert mich an. Verschrenkte Arme. Fassungslose Gesichter.
Und morgen lesen die selben Leute bei einer Tasse Kaffee in ihrem behüteten Zuhause über das Unglück und Elend auf der Welt. Irgendeine für sie fremde Welt. Jetzt gerade bekommen sie einen kleinen Geschmack davon.
Sie schütteln die Köpfe. Was soll das? Habt ihr sie gefragt, ob sie eure heuchlerische Hilfe auch möchte? Sie ist euch doch einen Scheißdreck wert.

Ich drehe mich um. Gehe.
Werde in einer Stunde mit einer Flasche Bier bei Kumpels sitzen und die Bilder durch meinen Kopf laufen lassen.
Vielleicht erzähle ich davon. vielleicht aber auch nicht.

Ich drehe mich zurück.
Sie ist wahrscheinlich das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe. Ist das der Mitleid? Die Angst um sie? Habe ich Angst?
Morgen oder übermorgen, oder spätestens in ein paar Tagen wird mein größtes Problem darin liegen, meiner Freundin etwas zum Geburtstag zu schenken.
Das widert mich an. Ich widere mich selbst an.
Irgendwie liebe ich sie jetzt nicht mehr.

Ich drehe mich wieder um. Gehe weiter.

Was für ein Tag. Was für ein Erlebnis.
Es hat etwas in mir verändert.
Was will ich?
Das junge Mädchen hat, ohne es zu wissen, mein Leben verändert.
Soll ich hinrennen, über die Absperrung hüpfen, um es ihr zu sagen?

Eine letzte Erkenntnis für sie, dass man doch einen kleinen Teil der Welt verändern kann.

Wie auch immer.

Sie wird es nicht überleben.

Posted: Juni 9th, 2009
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