News for the ‘Absurdität’ Category

Hübsch

Es handelt sich um Sekunden. Es ist die Dauer eines Augenschlags, in der der Körper fremd erscheint. Ich bewege meine Zehe, um zu sehen, ob ich lebe. Ich versichere mich mit Muskelbewegungen, ob ich die Fähigkeit dazu noch besitze.
Kurze Entspannung. Dass alles so weit funktioniert.
Ich bin jetzt wieder in meinem Körper. Ja, manchmal verliere ich mich selbst.
Aber jetzt gerade nicht.
Ich sitze in einem Seminarraum mit Studenten. Es ist quälend jetzt und hier zu sitzen.
Ungeduld verbreitet sich in meinem Körper. Der Raum ist voll mit Stühlen, auf denen dicke, knochige oder unbedeutende Ärsche verweilen. Einen Moment verweile ich mit ihnen. Aber nicht länger als das.
Ich spiele mit meiner Zunge in meinem Mund. Versuche meine Zähne zu bewegen. Sie bleiben stur.
Und plötzlich geschieht es. Sie fallen alle nach und nach heraus. Ohne sich zu wehren verlieren sie ihre Kraft und stürzen in das begrenzte Dunkle meines Mundes.
Ich muss etwas tun. Aber was?
Ich stehe auf. Springe über Stühle und Menschen, die mir den Ausweg erschweren. Laufe aus dem Raum. Entfliehe dem Seminar. Versuche die vergangenen Sekunden einzuholen, um sie zu nichte zu machen.
Meine Zähne. Völlig normal lösten sie sich. Als wenn es der Verlauf ihres Lebens gewährt und bestimmt.
Ich habe keine festen Zähne mehr in meinem Mund. Wohin mit den losen?

Ich bin draußen. Atme so viel Luft durch die Nase, dass ich kurz davor bin meinen Mund zu öffnen, um noch mehr Luft einzuholen. Ich beruhige mich langsam.
Erst jetzt spüre ich das Weiche meines Zahnfleisches. Es ist abartig. Durch die Stellen fehlender Zähne stößt plötzlich das Gefühl meiner Kindheit in Erinnerung. Ich durchlebe es jetzt nach Jahren wieder.
Ich bin völlig klar.
Leute gehen an mir vorbei. Unwissend darüber, dass mein ganzer Mund mit losen Zähnen gefüllt ist.
Es sind so viele Menschen unterwegs. Ich kann die Zähne noch nicht ausspucken. Ich schmecke Blut und kann nicht sagen, wie viel Blut es ist.
Ich gehe auf die Universitätstoilette. Ganz ruhig warte ich circa zwei Minuten, bis ich dran bin.
Jetzt spucke ich. Und das erste Mal sehe ich, was ich die ganze Zeit in meinem Mund bewahrte. Vor was eigentlich? Mich selbst bewahrte ich vor dem Anblick, der mir in diesem Moment in die Augen sticht. Ich übergebe mich. So heftig, dass ich fest daran glaube, mich jetzt völlig aufzulösen.
Ich höre Stimmen, die irgendwas mit „alles ok“ fragen. Ich bringe ein verstörtes „ja“ heraus.
Mädels, was soll ich euch denn erzählen..

Ich warte bis ich keine Stimmen mehr höre. Als ich die Tür öffne, stehen trotz der Stille drei Mädchen vor mir. Mit solch einem entsetzten Blick, dass ich fast anfangen muss zu lachen.
Dies ist wirklich das absurdeste Erlebnis, das ich je hatte.
Mit einem flüchtigen Lächeln wasche ich mir die Hände und mein Gesicht.
Als ich gehen will, überlege ich kurz, ob ich die drei Mädels nicht vollkommen abschrecken soll, indem ich beim Vorbeigehen meinen zahnlosen Mund zeige. Ich schmunzle, erhebe meinen Kopf und gehe, ohne es zu tun, aus der Mädchentoilette.
Ich gehe durch die Straßen, als hätten sich die letzten Minuten nicht zugetragen.
Ich denke auch, ob ich gleich verschlafen und verschreckt aufwache und immer noch im Seminar sitze. Und mich die Studenten auslachen, weil ich geschnarcht habe oder gezuckt habe im Schlaf. Aber gleichzeitig intensiviert sich der Blutgeschmack und das zahnlose Fleisch in meinem Mund wird zum normal gegenwärtigen Stück meines Organismus’.

Posted: Juli 17th, 2009
Categories: Absurdität
Tags: , ,
Comments: No Comments.