Der Typ reagiert nicht einmal, als ich frage „Und was ist mit mir?“
Worin liegt mein Vorteil bei dieser Affäre, wenn ich nicht einmal komme?
Und das Beste ist, ich sitze durchnässt um fünf Uhr morgens in der Bahn, um pünktlich auf der Arbeit zu erscheinen.
Mein Liebhaber.
Er versprach mir gestern, als ich schon im Bett lag, dass er mich morgen früh zur Bahn begleite, wenn ich die Nacht noch zu ihm käme.
Der Ausgang dieses Dialoges ist das hier.
Ich ersticke an Melancholie. Sie lässt nicht zu. Doch. Sie lässt zu. Viel zu viel sogar.
Sie verursacht mein Verschließen. Sie hält dicht. Bewahrt Ruhe. Mit ihrer großen, geduldigen Gewalt stößt sie in mein Inneres.
Stets einen Spiegel mit sich tragend. Durch diesen ich durchblicken kann. Jetzt gerade. Vor mir.
Manchmal, wenn man Glück hat, lässt dieser Spiegel erkennen. Was auch immer der Dreinblickende zu erkennen beabsichtigt. Aber nicht mehr. Glaubhaftig, auch nicht weniger.
Draußen schneit es. Es ist beinahe Ende März. Aber das interessiert nicht. Was interessiert, ist, dass solche dicken Schneeflocken herabfallen, dass es sich lohnt jetzt wach zu sein.
Ich rede mir ein, die Leute würden tagsüber weniger große Flocken zu Gesicht bekommen.
Irgendetwas Gutes muss mein Tag doch haben.
Ich könnte ewig mit der Bahn fahren. Sie ist leer. Ich bin der einzige Mensch, der sie zu diesem Zeitpunkt benutzt. Sie fährt also nur für mich. Sie existiert, weil ich sie brauche. Keiner würde von ihr reden, säße ich nicht hier drin.
Der Schnee bleibt auf den Autos liegen.
Die Bäckereien machen auf, damit die anderen Menschen an einem Samstagmorgen ihre frisch gebackenen warmen Brötchen kriegen.
Und es schneit weiter.
Als mein Liebhaber und ich am Anfang unserer Begegnung so etwas wie eine Beziehung probierten, befand ich mich auf einer anderen Ebene. Ich schwebte irgendwo ganz weit oben. Über all den anderen hinweg. Vielleicht auch behütet in einer Bahn. Vielleicht ein wenig freier als jetzt. Ja, definitiv freier als jetzt.
Das war, als ich noch nicht wusste, dass er sich nicht in mich verlieben würde. Nie.
Als er mir dies jedoch paar Tage daraufhin gestand, fiel ich das neunfache dessen hinunter, was ich kurz zuvor gestiegen war. Und das ist jetzt einfach aus einer sehr nüchternen Perspektive gesagt.
Er erklärte mir seine Ansichten. Seine Weltanschauung.
Ich kam ins Grübeln.
Dieser Mann, den ich so bewunderte, wie er durch die Welt ging. Standhaft. Männlich. Unabhängig.
Damals war ich fest davon überzeugt, dass er sich nicht nur so geben würde. Er brauchte keine Verliebtheit. Und erst recht keine Liebe. Nicht angewiesen auf Zärtlichkeiten oder Komplimente.
Ich stellte mir die Frage, weshalb ich sie brauchte. Brauchte ich sie denn?
Ich begann, in der Tat, alles in Frage zu stellen.
Verliebtheit wurde für mich zur Heuchlerei. Zur Einbildung. Liebe wurde zur Illusion.
Ich wusste plötzlich nichts mit dem Worten der Zuneigung anzufangen. Wozu waren sie gut, wenn sie doch in vielerlei Hinsicht einschränkten? Wussten die Menschen, was sie da zu sich sagten? Welche Motivation der Benutzung dieser Worte steckte dahinter?
Damals stand mir eine neue Welt bevor. Ausgestoßen von der alten. Hineingedrängt in eine fremde.
Und heute sitze ich hier. Nicht losgelöst von diesem Mann.
Mitten im Widerspruch von geliebtem Mädchen und erlebter Frau.
Zwischen uns ist keine Liebe. Das ist etwas, das ich weiß.
Es schneit immer noch.
Ich hasse Menschen. Ich verabscheue sie.
Mich auch. Manchmal. Jetzt nicht.
Jetzt gerade könnte ich sogar ein besserer Mensch sein, als mein Liebhaber.
Und eigentlich ist es total egal.